Freitag, 26. Juni 2009

Tony Allen - Secret Agent

The Masterdrummer is back again! Ein Tony Allen Album kann gar nicht schlecht sein und er ist wohl der einzige Schlagzeuger, von dem ich mir ein Soloalbum, also ausschließlich Schlagzeug, kaufen würde. Dabei hört man es dem Album zunächst gar nicht an, dass es das Album eines Schlagzeugers ist: keine Egotrips, keine endlosen Soli dafür aber der ultimative Beat. Tony Allens pulsierendes Rhythmusgeflecht wirkt bisweilen unscheinbar, ist aber unersetzbarer Bestandteil der Musik. Das erkannte auch Fela Kuti mitte der 60er Jahre und stellte fest, dass Allen klinge, als würden 4 Schlagzeuger gleichzeitig spielen. Allen, der sich das Schlagzeugspielen durch das Hören seiner Vorbilder Gene Krupa, Art Blakey und Max Roach selbst beibrachte, begründete dies damit, dass er die Rhythmen unterschiedlicher Musikrichtungen wie Jazz, Funk und Soul mit den eigenen Yoruba Rhythmen kombinierte. Und somit kann man Allens Anteil an der Entwicklung des Afrobeat gar nicht unterschätzen, zudem war er in Felas Band Africa 70 der inoffizielle musikalische Leiter. Als er die Band Ende der 70er verließ, versuchte Fela in seiner neuen Band Egypt 80, Allens Schlagzeugspiel durch 4 Schlagzeuger zu ersetzen.
Tony Allen selbst machte sich was Plattenveröffentlichungen angeht eher rar. Die ersten 3 Soloalben nahm er bereits zu Africa 70 Zeiten mit eben jener Band auf und gründetete nach seinem Abgang die Afro Messengers, mit der aber nur das Album No Discrimination aufnahm und mit dem er den Afrobeat zumindest künstlerisch erfolgreich in die 80er Jahre überführte. In den folgenden Jahren agierte er hauptsächlich als Sessionmusiker und Anfang des neuen Jahrtausends wurde er schließlich von Damon Albarn entdeckt, der im Song Music Is My Radar bekannte: "Tony Allen got me dancing". Albarn wirkte 2002 auch auf dem Album Homecooking mit, auf dem Allen den Afrobeat für das enue Jahrtausend erschuf. Mit Lagos No Shaking kehrte der bereits in den 80er Jahren nach Paris ausgewandere Allen 2006 zu seinen Wurzeln zurück und nahm in seiner früheren Heimat ein nahezu klassisches Afrobeat Album auf.
Secret Agent knüpft an seinen Vorgänger an, präsentiert allerdings auch die ein oder andere Neuerung. So kommt in den Stücken Ijo und Nina Lowo durch den Einsatz eines Akkordeons ein ganz kleines bisschen französisches Flair auf. Beide Stücke werden von der großartigen AYO (nicht zu verwechseln mit Ayo.) gesungen. Allen überlässt den Gesang auf diesem Album zum großen Teil Gästen und übernimmt das Mikro nur beim Titelstück und beim abschließenden Elewon Po, beides politische Stücke, wenngleich natürlich deutlich zurückhaltender vorgetragen als dies einst bei Fela der Fall war. Allen war schon damals der Ruhepol und sozusagen das ideale Gegenstück zu Fela.
Was das Album auszeichnet sind natürlich Allens Drumpatterns, ohne die das alles vermutlich nur halb so gut wäre. Sobald der Groove einsetzt kann er sich fast alles erlauben, weiß aber dennoch auch kompositorisch zu überzeugen. Die Texte haben meist die jeweiligen Sänger geschrieben und mit Atuwaba gibt es gar ein kurzes A-Capella Stück, ebenfalls von AYO gesungen, das mehr nach Zulu als nach Yoruba klingt. Ansonsten überwiegt selbstvertständlich der Afrobeat, der im Vergleich zu Africa 70 deutlich kürzer und kompakter daherkommt und mit King Odudu hat Allen sogar einen Sänger gefunden, dessen Stimme der eines Fela nicht unähnlich klingt. Nachhören kann man dies in den beiden Stücken Celebrate und Pariwo, die beide ungemein entspannt und lässig wirken. Und es ist vor allem das Entspannte und Lässige, das Tony Allens Schlagzeugspiel auszeichnet, kein Kraftakt sondern locker aus dem Handgelenk geschüttelt. Eine Fähigkeit, die er nach eigenen Aussagen in den Clubs von Lagos gelernt hat, denn dort dauern Konzerte nicht 2 sondern 6 Stunden, so dass man seine Kräfte einteilen muss.
Secret Agent bietet zwar nicht viel Neues, dafür aber das Alte auf gewohnt hohem Niveau. Kaum zu glauben, dass Tony Allen nächstes Jahr schon 70 wird, man hört und sieht es ihm nicht an. Möge er uns noch mit vielen solcher Alben beglücken.

(World Circuit / 2009)

Freitag, 15. Mai 2009

Victor Olaiya's All Stars Soul International

"They thought I moved Highlife music out of the ordinary. Then, it was believed that my Highlife was a little bit out of this world, beyond explanation. This was why Alhaji Alade Odunewu of the Daily Times styled me The Evil Genius of Highlife."
(Victor Olaiya)


Im Gegensatz zu den bisherigen Afro-Veröffentlichungen auf Vampisoul handelt es sich bei diesem Album nicht um eine Anthologie oder Kompilation sondern um ein reguläres Album, das ca. 1970 in Nigeria veröffentlicht wurde. Ganz sicher ist man sich da im Hause Vampisoul aber nicht, wie der Begleittext verrät. Verraten wird auch, wie die Linernotes zustande gekommen sind: anhand von Literatur und Internetrecherche. Um mehr über diese Veröffentlichung zu erfahren, müsste man sich wohl am Besten vor Ort begeben und mit Zeitzeugen und Olaiya selbst sprechen. Diesen Aufwand, bei Analog Africa und Soundway gang und gäbe, betrieb man hier jedoch nicht. Und so erfährt man auch nichts über die beteiligten Musiker oder wer die jeweiligen Stücke singt. Vom Klang her ist das Album allerdings besser als die zeitgleich veröffentlichte Fred Fisher Anthologie, was doch ein bisschen verwundert, immerhin sind die Aufnahmen deutlich älter.

Die musikalische Karriere Victor Olaiyas beginnt in den 50er Jahren. Im Jahr 1954 gründete er seine erste Band The Cool Cats quasi als Konkurrenz zum damals sehr erfolgreichen Ghanaer E. T. Mensah. Und obwohl Kritiker die Band zeitweise spöttisch als The Copy Cats bezeichneten, war sie doch auch eine Talentschmiede, bei der u.a. Sunny Ade, Tony Allen und Fela Kuti ihre ersten musikalischen Gehversuche machten. Olaiya gilt als eines der Urgesteine moderner nigerianischer Musik, dennoch hält sich sein Bekanntheitsgrad außerhalb der Heimat stark in Grenzen.
Nachdem 1968 James Brown Nigeria eine Besuch abstattete erweiterte auch Olaiya sein Spektrum um Funk und Soul und nannte seine Band fortan All Stars Soul International. Das vorliegende Album, das nach dem Biafra Krieg veröffentlicht wurde, ist ein beeindruckendes Dokument jener Phase, das klassische Highlife Musik mit brodelndem Funk und Soul kombinierte, was gleich zu Beginn mit dem Doppelpack Let Yourself Go / There Was A Time besonders gut zur Geltung kommt. Die Anlehnung an James Brown ist vor allem dank des Sängers, der hier um sein Leben zu singen scheint, unüberhörbar. James Brown wird aber auch durch zwei Coverversionen gewürdigt, zum einen Cold Sweat und zum anderen Mother Popcorn, welches am Ende des Album aber leider nur noch angedeutet wird. Dazwischen gibt es aber auch klassichen Highlife wie New Nigeria, welches sich mit seiner lieblichen Melodie dem Ende des Biafra Krieges widmet und auf eine friedliche Zukunft hofft. Im Text stellt sich Olaiya dabei direkt auf die Seite des Generals Gowon, dem damaligen Staatschef.

Victor Olaiya's All Stars Soul International ist leider nur ein kurzes Vergnügen, die insgesamt 12 Stücke, die allesamt miteinander verwoben sind, so dass keine Pausen enstehen, bringen es auf gerade mal 32 Minuten. Der Qualität tut dies natürlich keinen Abbruch und es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte Reissue ist.

(VampiSoul / 2009)

Montag, 11. Mai 2009

Fred Fisher Atalobhor - African Carnival

Wer ist Fred Fisher Atalobhor? Viele Informationen findet man nicht, wenn man diesen Namen bei Google eingibt. Genau genommen führen so gut wie alle Suchergebnisse zu dieser Vampisoul Veröffentlichung und damit wären wir schon beim ersten Kritikpunkt: auch die Linernotes dieser Anthologie verraten nicht übermäßig viel über diesen nigerianischen Musiker, der wohl hauptsächlich in den 1970er und 1980er Jahren aktiv war. African Carnival umfasst 4 Alben, die in den Jahren 1979 bis 1990 veröffentlicht wurden, wobei ich mir bei den angegeben Jahreszahlen nicht sicher bin, ob diese tatsächlich stimmen. Zumindest stehen sie im Widerspruch zur kurzen Biographie von Samuel Kayode. Über die Quellen der Aufnahmen erfährt man nichts, kann aber beim Hören erahnen, dass hier wohl von bereits stark abgenutztem Vinyl überspielt wurde. Eine Aufbereitung der Aufnahmen hat vermutlich nicht stattgefunden, oder wie ist sonst zu erklären, dass die Alben der Konkurrenz wie Soundway oder Analog Africa so viel besser klingen? An manchen Stellen leiert und knackt es so stark, dass der Hörgenuss durchaus darunter leidet. Mehr Sorgfalt wäre hier einmal mehr durchaus angebracht gewesen. Das gilt auch für die Gestaltung des Booklets, das man hier gleich ganz weggelassen hat. Zumindest Abbildungen der Original LPs hätten doch drin sein müssen.

Wie bereits erwähnt, umfasst African Carnival 4 LPs, ob diese hier vollständig vorhanden sind, kann ich nicht sagen, es wäre aber durchasu möglich, da jede dieser LPs hier mit ca. 40 Minuten abgedeckt wird. Dabei überzeugt mich vor allem die erste LP Say The Truth aus dem Jahr 1979, die mit einer Mischung aus Reggae und Afrobeat zu überzeugen weiß. Das darauffolgende Album No Way ist dagegen deutlich von der damaligen Discowelle beeinflusst, die offensichtlich auch an Lagos nicht spurlos vorbei ging. Dabei ist die nigerianische Variante nicht ohne Reiz, wenngleich Say The Truth hier das deutlich bessere Album ist. Wahala Dey For Town aus dem Jahr 1988 ist das schwächste der hier vertretenen Alben, allerdings ist hier mit dem superbem Mercenary Go, Mercenary Come einer der stärksten Songs dieser Kompilation vertreten. Ganz am Ende kommt dann mit Ogiza das beste Album, aber leider das vom Sound her schlechteste. Knacken und Kratzen der Vinylvorlage sind deutlich zu hören und daneben erzeugt ein Leiern vor allem bei den Keyboards in Cry For Peace einen psychedelischen Effekt, der so sicher nicht gedacht war. Musikalisch geht es hier am deutlichsten in Richtung Afrobeat, und Fisher musste sich vor Fela, für den er auch schon mal das Vorprogramm bestritt, zu jener Zeit nicht verstecken. Ausgerechnet an Fela verlor er damals auch seinen großartigen Gitarristen Bob Ohiri, was gleichzeitig auch das Ende seiner Band bedeutete. Heute ist Fisher vor allem als Sessionmusiker tätig und arbeitet in Nigeria wohl mit unterschiedlichen Bands zusammen.

African Carnival kommt sowohl als randvolle Doppel CD als auch als Doppel LP, bei der man aber gleich 10(!) Tracks weggelassen hat (u.a. das großartige Mercenary Go, Mercenary Come). An ein 4LP Set, das für eine komplette Edition wohl mindestens notwendig gewsesen wäre, hat man sich vermutlich aus Kostengründen nicht herangewagt. Allerdings hatte ich auch auf CD 2 hier und das das Gefühl, dass manche Tracks aus Platzgründen vorzeitig ausgeblendet wurden. Möglicherweise ist dieser Verdacht unbegründet, eine Vergleichsmöglichkeit habe ich freilich nicht. Nichtsdestotrotz ist auch African Carnival leider nur eine sehr zwiespältige Angelegenheit geworden. Auf der einen Seite großartige Musik die auch sehr schön verpackt wurde, aber auf der anderen Seite eben erneut Schlamperei bei der Überspielung und auch was die Linernotes angeht, erwarte ich bei solchen Veröffentlichungen einfach mehr. Dank fehlender Alternativen bzgl. Fred Fisher Atalobhor handelt es sich hier natürlich dennoch um eine Empfehlung.

(VampiSoul / 2009)

Donnerstag, 30. April 2009

Hugh Masekela - Phola

Mit einiger Verspätung wurde hierzulande nun auch das aktuelle Album Phola von Hugh Masekela, der Anfang April seinen 70. Geburtstag feierte, veröffentlicht. Ein Alterswerk, wie man nach dem ersten Hördurchgang meinen könnte. Weitestgehend entspannt und zurückgelehnt wird da musiziert und irgendwie fehlten mir zunächst einmal die Ecken und Kanten. Nur 2 der 9 neuen Stücke sind Instrumentals, bei den restlichen Soings weiß Masekela mit seiner raspeligen Stimmen durchaus zu überzeugen, doch letztendlich ist es einmal mehr sein fantastisches Spiel auf dem Flügelhorn, das hier voll und ganz zu überzeugen weiß. Hier und da erklingen aus dem Hintergrund Keyboardklänge aus längst vergangenen Zeiten, auf die ich auch gerne verzichtet hätte, aber am Ende überwiegt nach mehrmaligem Hören doch der positive Gesamteindruck. Dabei zählen auch 4 superbe Kompositionen, die quasi den Rahmen dieses Albums bilden. Das politisch angehauchte Bring It Back Home und das autobiographische Sonnyboy überzeugen neben wunderbaren Melodien und großartigem Flügelhornspiel eben auch durch Masekelas vom Alter gegerbten Stimme. Beide Stücke haben etwas episch Anmutendes das sich zum Ende hin steigert was bei Sonnyboy sogar im Einsatz einer E-Gitarre gipfelt. Das luftig lockere Weather, das vermutlich auch etwas mit dem Klimawandel zu tun hat, zeigt die andere Seite des Albums und präsentiert, wie an andereen Stellen auch, wunderbaren Chorgesang. Das epische und tranceartige Hunger am Ende des Albums fasst noch einmal die ganze Klasse Masekelas zusammen. Anhand diverser afrikanischer Percussion wird eine in den Bann ziehende Polyrhythmik erzeugt auf deren Basis Masekela knapp 9 Minuten lang sowohl gesanglich als auch auf dem Flügelhorn zu überzeugen weiß.
Die beiden Instrumentalstücke sind Moz, eine Reminiszenz an den Hit Gracing In The Grass aus dem Jahre 1968, dessen Produzent Stewart Levine hier an der Klarinette zu hören ist und Jon Luciens The Joke Of Life, mit dem er bereits 1985 einen Hit landen konnte.

Am Ende ist Phola doch ein gelungenes sagen wir mal Spätwerk, dem es hier und da ein bisschen an Schärfe fehlt, was aber durch den guten Gesamteindruck wieder wett gemacht wird, wozu vor allem Masekelas phantastisches Trompetenspiel beiträgt. Im Vergleich zum hierzulande zeitgleich neu veröffentlichen 1992er Album Beatin' Around De Bush ist Phola zumindest klangtechnisch überlegen, wenngleich auch jenes Album trotz seines bisweilen allzu zeitgeistigen frühen 90er Sounds durchaus empfehlenswert ist.

Mittwoch, 22. April 2009

Culture Musical Club - Shime!

In seinen Anfängen war der Culture Musical Club eine Jugendorganisation der Afro Shirazi Partei während des Unabhängigkeitskampfes mitte der 50er Jahre. Heute ist er das älteste und erfolgreichste Taarab-Orchester Sansibars. Taarab, dessen Sprachwurzel auf das arabische Wort "tariba" zurückgeht und so viel bedeutet wie "in Bewegung sein", setzt sich aus afrikanischen, arabischen und inidschen Elementen zusammen und spielt in der Gesellschaft Sansibars bis heute eine große Rolle. Traditionell wird Taarab von Orchestern gespielt, die sowohl europäische Instrumente wie Geige oder Akkordeon als auch afrikanische Instrumente wie die Zither Kanun oder Ngoma, Tabla und Dumbak Trommeln sowie arabische Instrumente wie die Blockflöte Nay und die Laute Oud einsetzen. Kennzeichnend sind auch die meist aus Frauen bestehenden Swahili Chöre, die in der Regel den Refrain übernehmen oder in einer Art Call and Response Gesang als Antwort auf den Hauptsänger zum Einsatz kommen.

Mit dem Album Shime! feiert der Club nun seinen 50. Geburtstag. In 8 z.T. langen Stücke, die auch schon mal die 10 Minuten Grenze überspringen, verbreiten die Musiker in der Tat eine einzigartige Stimmung, in der arabische mit südafrikanischen Gesänge und orientalische Melodien mit afrikanischen Rhythmen kombiniert werden. Die Texte sind dabei oft von profaner Natur, handeln von glücklicher oder unglücklicher Liebe oder Arroganz und Dummheit, wie das über 12 Minuten lange Rejea Tena Chuoni, das dem Angesprochenen empfiehlt, zurück zur Schule zu gehen. Ein auf den ersten Blick monotones Stück, das allerdings mit allerlei rhythmischen Finessen ausgestattet ist und durch seine Aufteilung in mehrere Teile fast schon wie eine Suite wirkt. Ähnlich in Länge und Klasse das abschließende im Kidumbak Stil gespielte Kidumbaki. Kidumbak, benannt nach der gleichnamigen Trommel, ist eine spezielle Form des Taarab und wird in der Regel in kleinerer Besetzung gespielt. Kidumbaki ist ein Medley, das aus 5 Stücken besteht, die allerdings dank ihrer Ähnlichkeit ebenfalls wie eine Suite wirken. Als Instrumente kommen hier lediglich Geigen und Percussion zum Einsatz, die sich hier aufregende "Duelle" leisten. Die Melodie wird hauptsächlich durch den Gesang erzeugt, wobei sich auch hier Solostimme und Chor in nichts nachstehen und durch pure Schönheit überzeugen.

Schon Taj Mahal wusste den Culture Musical Club zu schätzen und nahm mit seinen Musikern vor ein paar Jahren ein Album auf. Aber auch ohne prominente Unterstützung ist dem Ensemble hier ein unvergleichliches Album gelungen, dessen ganze Schönheit und Klasse sich allerdings tatsächlich erst nach mehreren Durchgängen erschließt. Lohnen tut es sich allemal.

(World Village / 2009)

Samstag, 11. April 2009

K'Naan - Troubadour

"Was ist das denn?" wird sich der Purist fragen. "And if rap gets jealous 'cause I rock heavy / it don't worry me if m'a fuckers don't get it." heißt es im Stück If Rap Gets Jealous, einem gewaltigen Raprock Song mit keinem geringeren als Metallicas Kirk Hammett an der breitbeinigen Gitarre inklusive Solo. Nicht nur musikalisch sondern auch im Text geht es um das Einreißen von Barrieren und somit steht das Stück stellvertretend für den Rest des Albums. Einen weiteren Rocker dieser Art findet sich hier zwar nicht mehr, dennoch dient HipHop hier nur noch als Basis, auf der K'Naan nichts unversucht lässt und dem somit ein sehr vielschichtiges und ganz und gar nicht beliebiges Album gelungen ist. Geblieben ist das Thema Somalia, seine Heimat, die er 1991 mit dem letzten Linienflug Richtung New York verlassen hat. Die Schrecken des Bürgerkrieges und das Leben als Kind in der gefährlichsten Stadt der Welt Mogadischu verarbeitete er schon auf dem ersten Album The Dusty Foot Philosopher, dessen reduzierte und gleichermaßen erschütternde Liveversionen mit dem Livealbum The Dusty Foot On The Road veröffentlicht wurden. Troubadour klingt optimistischer und ist deutlich bunter, was sicher auch an der Gästeliste liegt. Neben dem bereits eingangs erwähnten Kirk Hammett gibt es u.a. noch Auftritte von Damian Marley, Adam Levine (Maroon 5), Mos Def und Chubb Rock. Dies führt u.a. zu einer erstaunlich unkitschigen Friedenshymne wie Wavin' Flag oder zu einem Uptempo Stück wie Bang Bang, bei dem Adam Levine den Refrain übernommen hat. Seiner alten Heimat Somalia und seiner neuen Heimat Amerika huldigt er mit den beiden jeweils gleichnamigen Stücken während Take A Minute mit seinem großartigen Refrain am Beispiel von Nelson Mandela und Mahatm Ghandi u.a. zeigt, was wahre Größe ist. 15 Minutes Away erläutet schließlich die Vorzüge von Western Union und der Tatsache, dass man innerhalb kürzester Zeit Geld um die ganze Welt schicken kann was von vielen im Ausland lebenden Afrikanern genutzt wird, um die Familien zu Hause zu unterstützen. Das soulige und epische People Like Me am Ende des Albums handelt von Menschen, die ähnliches durchmachen oder durchgemacht haben wie K'Naan selbst: "Heaven, is there a chance that you could come down and open doors to hurtin people like me", ein schöner Schlusspunkt eines famosen Albums.

Die Aufnahmen zu Troubadour fanden übrigens im Haus von Bob Marley statt, was einen positiven Einfluss auf die Sessions ausgeübt haben dürfte. Die 14 Stücke verschmelzen einerseits perfekt zu einer Einheit und doch hat andererseits jedes für sich genommen eine ganz eigene Klasse. Somit kann der Albumtitel durchaus auch musikalisch Verstanden werden: ein Troubadour zwischen den Stilen.

Mittwoch, 1. April 2009

Victor Démé - s/t

In seiner Heimat Burkina Faso ist Victor Démé schon seit ungefähr 30 Jahren ein bekannter Sänger und Musiker. Trotzdem veröffentlichte er erst jetzt sein internationales Debütalbum, ein Album, auf dem lokale Mandingo Traditionen ebenso Platz finden wie Blues oder Flamenco. Seine musikalische Karriere begann Démé bei seinem Vater in Abidjan mit Auftritten in den örtlichen Clubs. 1988 kehrte er in seine Heimat zurück und gewann diverse Preise und entwickelte sich so zu einem bekannten und beliebten Künstler. Dennoch wurde bei Auftritten in Clubs oft von ihm verlangt, bekannte Songs von Salif Keita oder Mory Kanté zu singen. Glücklicherweise hielt Démé jedoch an seinen eigenen Kompositionen fest und traf im Jahr 2005 auf Camille Louvel, der ihm eine dauerhafte Anstellung in dessen Ouagajungle Club in Ouagadougou verschaffte wo er in der Folge mehrere Auftritte pro Woche haben sollte. 2007 schließlich wurde mit Hilfe des Journalisten David Commeillas das Chapa Blues Label gegründet, um Démés Musik vermarkten zu können, was gleichzeitig auch der Startschuss für die Arbeiten am Debütalbum war. Die Aufnahmen fanden in einem kleinen und improvisierten Studio in Ouagadougou statt, in dem lediglich ein 16-Spurgerät zur Verfügung stand.

Die zumeist akustischen Songs des Albums, zu denen Victor Démé neben Gesang auch Gitarre beisteuert, sind eine einzigartige Mischung aus Folkblues Melodien und Mandingo Balladen, die hier und da mit Latintupfern wie Salsa oder Flamenco versehen sind. Zur musikalischen Umsetzung der oft melancholischen Stücke reichen zumeist akustische Gitarren und Percussion und ab und zu noch ein Piano und in Deni Kemba erklingt traurig aus dem Hintergrund eine einsame Trompete. Und trotz dieser vermeintlich eher westlichen Instrumentierung klingt das Album im Kern doch durch und durch westafrikanisch, die Verwandschaft zum Nachbarn Mali ist nicht zu überhören. Und so gelingen Victor Démé mehr als ein Dutzend meist einfühlsamer, atmosphärisch dichter Songs, die durch seinen wunderbaren Gesang eine poetische Note erhalten. Und wem die traditionellen Instrumente fehlen, der dürfte bei den letzten beiden Stücken auf seine Kosten kommen: 2 traditionelle Mandingo Stücke, die mit Balafon, Ngoni und Kora eingespielt wurden und die merklich flotter daherkommen als der Rest des Albums und somit in Kontrast dazu stehen. Ein Kontrast aber, der alles andere als störend ist. Vielmehr hätte ich gerne noch mehr davon gehört, vielleicht beim nächsten Album. Nichtsdestotrotz ist dieses Album ein weiteres Highlight im noch jungen Jahr und man darf auf Victor Démés zukünftige Aktivitäten gespannt sein.

In England und Frankreich schon letztes veröffentlicht, wurde das Album mehrfach ausgezeichnet, u.a. auch als Album des Jahres und das sicher nicht zu Unrecht. Eine Empfehlung!

(Chapa Blues / 2009)

Donnerstag, 19. März 2009

Staff Benda Bilili - Très Très Fort

Ein Juwel aus dem Herzen Afrikas ist dieses Album, das seinem Titel voll und ganz gerecht wird. Und auch als Hörer ist man gleichermaßen überwältigt von Anmut und Schönheit dieser Musik einerseits und ihrer Tanzbarkeit andererseits. Was diese Gruppe von Straßenmusikern aus Kinshasa hier zaubert, ist schlicht und ergreifend nicht von dieser Welt. Im Kern bestehend aus 4 Sängern und Gitarristen sowie dem 17-jährigen, ehemaligen Straßenkind Roger Landu, der mit seinem selbst entwicke^lten und gebauten Instrument Satonge nicht unerheblich am Sound der Band beteiligt ist, spielt diese Band basierend auf der kongolesischen Rumba eine ganz eigene Musik, die u.a. Son mit Funk und Soul sowie lokalen Spielarten kombiniert.

2 größere Gruppen finden sich auf Kinshasas Straßen. Zum einen die körperlich Behinderten, die mit ihren Tricycles, das sind 3-rädrige und motorisierte Rollstühle, unterwegs sind und zum anderen die Straßenkinder, die sog. Sheges, die oft vor der Gewalt in ihren Familien geflohen sind. Beide Gruppen profitieren voneinander und so kommt es nicht von ungefähr, dass der 17-jährige Roger von einem der Sänger adoptiert wurde. Sein selbstgebautes Instrument, die Satonge, besteht im Grunde aus einer Blechdose, an der ein Holzbogen angebracht ist, auf den eine einzelne Gitarrensaite gespannt wird. Und trotz seiner Einfachheit ist Roger ein wahrer Virtuose an diesem Instrument, und sorgt mit Melodien und wunderbaren Soli für einen unverwechselbaren Sound, den man gleich im ersten Stück Moto Moindo eindrucksvoll demonstriert bekommt. Es handelt davon, dass sich Afrika in erster Linie selbst helfen muss und auf falsche Entwicklungshilfe gerne verzichten kann und ist angelegt als klassisches Rumbastück inklusive Sebene, also jenem Break, der etwa in der Mitte des Stücks in ein Uptempo Finale mündet. Polio ist dagegen eine herzzereißende Rumbaballade mit gleich zwei Botschaften: zum einen fordert es Eltern auf, ihre Kinder gegen Polio (Kinderlähmung) impfen zu lassen, zum anderen zeigt es, dass man es trotz der Behinderung zu etwas bringen kann, was man am Beispiel der Musiker deutlich nur allzu deutlich sieht. Je t'aime dagegen basiert auf einem hypnotischen Funkrhythmus und demonstriert die Vielseitigkeit der Band die auch schon mal richtig und auf ihre völlig eigene Art losrocken kann, wie Sala Mosala trefflich zeigt.
Die Musiker leben allesamt in der Gegend des zoologischen Gartens in Kinshasa und dort wurde auch der größte Teil des Albums aufgenommen. Die Hintergrundgeräusche hat man meist gar nicht erst entfernt, was auch nicht weiter stört sondern den einzigartigen Charakter dieses Album eher noch zusätzlich unterstreicht.

Auf der Crammed Page finden sich 4 sehenswerte Videos (auch auf CD enthalten), darunter ein Trailer zum Film von Renaud Barret und Florent de la Tullaye über die Band, die im Observer von Damon Albarn vor kurzem bereits jetzt zur besten Newcomer Band 2009 gekürt wurde. Die Wahrscheinlichkeit, dass er damit am Ende Recht behalten dürfte, ist ziemlich hoch. Und selbst wenn es um den Titel "Album des Jahres" geht dürfte Très Très Fort ganz vorne mit dabei sein. Très Très Fort!

(Crammed / 2009)

Donnerstag, 12. März 2009

Daby Touré & Skip McDonald - Call My Name

Warum nur eine EP und kein ganzes Album? Diese durchaus berechtigte Frage stellt sich nach dem gerade mal knapp 26 minütigen Vergnügen. Dabei zeigt diese Kollaboration, dass beide wie füreinander geschaffen zu sein scheinen. Daby Touré, der Singer/Songwriter aus Mauretanien und Skip McDonald, der Bluesman aus Dayton/Ohio, besser bekannt als Little Axe. Zu hören gibt es 3 Songs von Touré, 2 von McDonald und das Titelstück als Gemeinschaftsarbeit. Beide Musiker steuern neben dem Gesang, Touré sowohl in Englisch als auch in seiner Muttersprache, auch Gitarre, Bass und Schlagzeug bei. Zusätzlich werden sie noch vom Schlagzeuger Keith LeBlanc unterstützt. Mehr braucht es dann auch nicht, um dieses kurze aber nicht minder intensive Werk zu zelebrieren. Gleich das erste Stück, Daby Tourés famoses Past Time, zieht einen in den Bann des Albums, der bis zum Schluss anhält. Schön zu hören sind hier die Gegensätze im Gesang der beiden Protagonisten. Dabys eher sanfte Stimme in den Strophen und Skip als rauer Gegenpol im Refrain. Ein magisches Stück, das auch auf Toure´s letztem Album, dem formidablen Stereo Spirit zu den Highlights gezählt hätte. Aber auch die beiden McDonald Tracks sind gleichermaßen superb, zum einen das epische Sinners mit seinen schillernden Gitarren, mächtigen Percussion und Tourés griotartigem Klagegesang, zum anderen eine Neubearbeitung von Time Has Come. Das gleichermaßen flotte wie ergreifende Will You Call My Name? ist den Straßenkindern Afrikas gewidmet und kombiniert mit unbeschwerter Leichtigkeit Tradition und Moderne, ein Umstand, der im Prinzip für das gesamte Album Gültigkeit hat. Bitte mehr davon!

(Real World Records / 2009)

Mittwoch, 4. März 2009

Oumou Sangare - Seya

Oumou Sangare, die gerne auch als "The Songbird of Wassoulou" bezeichnet wird, ist musikalisch bis heute ihrer Heimat im Südwesten Malis treu geblieben. Bereits mit ihrem ersten Ende der 80er in Abidjan produzierten und zunächst nur als Kassette erhältlichen Album Moussolou konnte die Sängerin weit über die Grenzen Malis hinaus einen Erfolg landen, auch dank unzähliger Raubkopien. So wurde man auch beim englischen Label World Circuit auf sie aufmerksam und nahm sie, auch Dank der Erfolge ihres Landsmannes Ali Farka Toure, unter Vertrag und veröffentlichte Moussolou noch einmal für den internationalen Markt. Zwei weitere Alben erschienen bis Mitte der 90er ehe eine erste längere Pause folgte, was aber nicht bedeutet, dass sie in jener Zeit untätig gewesen wäre. So produzierte sie für ihre Heimat weiterhin Kassetten, von denen einige Stücke auf der 2003 erschienen Werkschau Oumou zu hören sind. Nach weiteren 6 Jahren erschien nun vor kurzem das lange erwartete 4. Album Seya.

Seya ist ein bemerkenswertes Album geworden, ein Album, das die Messlatte für kommende Veröffentlichungen in diesem Jahr recht hoch legt. In der Tat ist es immer wieder erstaunlich, welche musikalischen Juwelen aus Mali kommen und dabei klingt Oumou Sangare so modern wie nie zuvor, ohne jedoch auf ihre Wassoulou Traditionen zu verzichten. Anders gesagt, Seya ist modern genug, um vor einem heimischen Publikum zu bestehen, aber eben auch traditionell genug, um ein europäisches Publikum in Verzückung zu versetzen. Einen ersten Eindruck bekam man schon von der superben Vorabsingle des Titelstücks, bei dem sie von Pee Wee Ellis am Saxofon unterstützt wird und das die typischen Wassoulou Rhythmen mit Funk kombiniert. Eine äußerst gelungene Kombination, die sich auch im ersten Stück des Albums Sounsoumba findet und bei dem der Funkgroove noch durch ein Balafon verstärkt wird. Sukunyali, eine Hommage an die maurische Minderheit in der Soninké Region, taucht dann tief ein in die Wassoulou Region. Begleitet von Bassekou Kouyate an der Ngoni wird dieses Lied auch in der Soninké Sprache gesungen. Es ist schon beeindruckend, wie Sangare hier verschiedenste Stile auf Basis der eigenen Traditionen kombiniert. So ist Kounadya eine Art Wüstenreggae inklusive Hammond Orgel und feinen Licks auf der E-Gitarre. Sangare erweist sich übrigens nicht nur als hervorragende Sängerin sondern auch als vorzügliche Songwriterin und greift nur einmal auf ein altes Wassoulou Lied zurück. Donso ist mit seinen seelenvollen Streichern und den flirrenden Gitarren ein episches und symbolbehaftetes Stück, bei dem die Körperteile eines erlegten Tieres sinnbildlich für Hilfestellungen in verschiedenen Lebenslagen stehen. In ihren eigenen Texten dagegen geht es oft um die Stellung der Frau in einer nach wie vor von Männern dominierten Gesellschaft. So richtet sie sich im Uptempo Stück Wele wele wintou gegen Zwangsheirat. Selbst vom eigenen Vater in ihrer Kindheit wegen einer anderen Ehefrau im Stich gelassen, setzt sie sich auch verstärkt gegen Polygamie ein und macht dies auch immer wieder zum Thema ihrer Songs.
Iyo djeli wird ein weiteres mal auf dem Album durch soulige Streicher veredelt, basiert aber im Gegensatz zu Donso auf treibenden Percussion Rhythmen. Im abschließenden Koroko wird sie schließlich von ihrem neuen Labelkollegen Tony Allen am Schlagzeug begleitet und zeigt, dass auch Afrobeat kein Problem in ihrem musikalischen Kosmos ist. Zwei Sabartrommler verpassen dem Stück gegen Ende gar senegalesisches Flair.

Ein vielschichtiges und abwechslungsreiches und dennoch homogenes Album ist Seya geworden. Auch das Artwork kann sich sehen lassen und zeigt, dass man sich im Hause World Circuit nach wie vor größte Mühe gibt. Dazu gehört auch, dass sämtliche Texte sowohl in Englisch als auch in Französisch vorliegen. Ein Rundumglücklichpaket also und Maßstab für weitere Veröffentlichungen in diesem Jahr.

(World Circuit / 2009)