Das Cover, das Afel Bocoum mit seiner Gitarre vor einer Rinderherde zeigt, sagt vieles über den Künstler aus. Tatsächlich sieht sich Bocoum in erster Linie als Landwirt und erst danach auch als Musiker und tut es damit seinem Onkel, dem 2006 verstorbenen Ali Farka Toure gleich. Darüber hinaus investiert er die Einnahmen aus Plattenverkäufen und Tourneen in sein Heimatdorf Niafunke, in dem er vor mehr als 10 Jahren zusammen mit Toure sein erstes Album Alkibar aufgenommen hatte und nach dem er schließlich auch seine Band benannte. Nach Niger im Jahr 2006 entstand nun in Bamako das dritte Album Tabital Pulaaku, das sich nur marginal von seinen Vorgängern unterscheidet, das aber Bocoums Status als Nachfolger Ali Farka Toures festigt. Toure selbst war es, der ihn noch zu Lebzeiten dazu ernannt hatte.
Afel Bocoums Musik fehlt gänzlich das Schroffe, das seinen Onkel auszeichnete, was sicher kein Nachteil ist sondern vielmehr für Eigenständigkeit sorgt. WIe auch seinem Cousin Vieux Farka Toure gelingt es ihm, sich von den Einflüssen zu emanzipieren ohne diese zu verleugnen. Während Vieux jedoch seine Musik mit allerlei äußeren Einflüssen kombiniert, wählt Bocoum einen eher traditionellen Weg. So sind auch die Songs dieses dritten Album gebettet in die Klänge von Njarka und Njurkle, eine einsaitige Geige und eine einsaitige Gitarre, beides traditionelle Instrumente der Songhai, denen Bocoum angehört. Er selbst spielt Gitarre, wahlweise akustisch oder gelegentlich elektrisch und für den Rhythmus sorgen ein Bass sowie eine Kalebasse. Die zumeist kurz gehalteten Stücke sind oft ähnlich aufgebaut, erzeugen in ihrer Gesamtheit aber dennoch eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Hier und da blitzen wunderbare melodische Einwürfe auf, und einige Stücke enthalten in der Mitte einen Break um in ein beschwingteres Finale überzugehen. Bocoum singt nicht nur in seiner Muttersprache Songhai sondern auch in Peul (Fulani) und Bambara und sorgt somit wie auch schon sein Onkel für eine gewisse Völkerverständigung im Vielvölkerstaat Mali. Seine Stücke behandeln oft sozial-politische Probleme wie Abwanderung, fehlende Bildung oder Unterdrückung der Frau aber auch die westliche Freizügigkeit, die im muslimisch geprägten Mali nicht gern gesehen ist. Dabei geht es hier ganz und gar nicht um eine Kopftuch Diskussion, wie man im Stück Allah Tanu nachhören kann und dessen Text wie bei allen anderen Stücken auch in englischer und französischer Übersetzung vorliegt. Musikalisch wird das Ganze wie gewohnt mit gleichermaßen eleganten wie hypnotischen Klängen umgesetzt.
Wie seine Vorgänger auch ist Tabital Pulaaku kein Album, dass sich dem Hörer aufdrängt. Die Schönheit und der Reiz des Albums liegen nicht an der Oberfläche sondern müssen geradezu entdeckt werden und wer sich darauf einlässt, wird sicher fünding werden.
(Contre Jour / 2009)
Donnerstag, 12. November 2009
Mittwoch, 4. November 2009
Mikea - Taholy
Vor einigen Jahren gründete Théo Rakotovao die Band Mikea, die er nach einer kleinen Bevölkerungsgruppe im Südwesten Madagaskars benannte und der er selbst entstammt. Mittlerweile nennt er sich auch selbst Mikea und veröffentlichte nun unter diesem Namen sein zweites internationales Album Taholy.
Mikea wuchs in der Region Masikoro im Südwqesten Madagaskars auf und studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften. Doch schon während des Studiums verfolgte er das Ziel, sein musikalisches Talent für die Musik seiner Heimat einzusetzen. Sein Landsmann Rajery produzierte im Jahr 2002 sein erstes Album Longo und im Jahr 2008 erhielt er den Preis "Découvertes RFI musiques" des französischen Radiosenders RFI.
Taholy ist ein beinahe klassisches Singer/Songwriter Album geworden. Die sparsame Instrumentierung besteht meist nur aus Gitarre, Bass, ein paar wenige Percussion und hier und da mal eine Flöte. Stilistisch handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung des Beko, einem traditionellen A Capella Gesang, der vor allem bei Beerdigungen zum Einsatz kommt. Beka nennt man übrigens auch die 4-saitige und kastenförmige Gitarre, die auf dem Cover zu sehen ist und die mit ihrem markanten Klang für die nötigen Ecken und Kanten sorgt.
In seinen Liedern geht es allerdings durchaus um weltliche Themen wie Armut, Verrat, der Macht des Geldes aber auch um traditionelle Familienwerte und Heimweh. Was Mikea jedoch besonders am Herzen liegt ist auf die Umweltzerstörung in seiner Heimat hinzuweisen. Die Ausrodung des Waldes zerstört die Lebensgrundlage seiner Region. Gepackt werden die Songs in wunderbare und subtile Melodien, die sich ziwschen Folk und Blues bewegen und eine schier magische Anziehungskraft ausüben. Brillant!
(Contre Jour / 2009)
Mikea wuchs in der Region Masikoro im Südwqesten Madagaskars auf und studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften. Doch schon während des Studiums verfolgte er das Ziel, sein musikalisches Talent für die Musik seiner Heimat einzusetzen. Sein Landsmann Rajery produzierte im Jahr 2002 sein erstes Album Longo und im Jahr 2008 erhielt er den Preis "Découvertes RFI musiques" des französischen Radiosenders RFI.
Taholy ist ein beinahe klassisches Singer/Songwriter Album geworden. Die sparsame Instrumentierung besteht meist nur aus Gitarre, Bass, ein paar wenige Percussion und hier und da mal eine Flöte. Stilistisch handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung des Beko, einem traditionellen A Capella Gesang, der vor allem bei Beerdigungen zum Einsatz kommt. Beka nennt man übrigens auch die 4-saitige und kastenförmige Gitarre, die auf dem Cover zu sehen ist und die mit ihrem markanten Klang für die nötigen Ecken und Kanten sorgt.
In seinen Liedern geht es allerdings durchaus um weltliche Themen wie Armut, Verrat, der Macht des Geldes aber auch um traditionelle Familienwerte und Heimweh. Was Mikea jedoch besonders am Herzen liegt ist auf die Umweltzerstörung in seiner Heimat hinzuweisen. Die Ausrodung des Waldes zerstört die Lebensgrundlage seiner Region. Gepackt werden die Songs in wunderbare und subtile Melodien, die sich ziwschen Folk und Blues bewegen und eine schier magische Anziehungskraft ausüben. Brillant!
(Contre Jour / 2009)
Dienstag, 20. Oktober 2009
Richard Bona - The Ten Shades Of Blues
"A few notes where each one has the strength to reach out and touch you. They're present in all kinds of popular music everywhere in the world, they resound in people's hearts. There's also a particular way to play them and join them together."
Richard Bona
Richard Bonas Beschreibung des Blues ist mehr als passend für dieses Album. Ohne diese Eklärung könnte der Titel durchaus in die Irre führen, denn wer hier 10 klassische 12-Takter erwartet, liegt falsch. Allenfalls Yara's Blues bietet klassischen Blues, zumal es auch auf Englisch gesugen wird, obwohl Bona den Text zunächst in Douala verfasste. The Ten Shades Of Blues erforscht vielmehr unterschiedliche Auffassungen des Blues verschiedener Kulturen. Nach eigener Aussage präsentiert das Album also 10 Arten den Blues zu spielen. Als Grundlage dient dazu der geschmeidige Bona Sound, der sich aus Jazz, Soul, Funk und den Rhythmen seiner Heimat Kamerun zusammensetzt. Ein perfektes Fundament für Bonas Projekt, dass mit dem indisch beeinflussten Shiva Mantra beginnt. Ein afroinidsches Klanggemälde, bei dem neben diversen Trommeln wie Mridangam und Tabla auch eine Sitar zum Einsatz kommt. Den Gesang übernehmen neben Bona Shankar Mahadevan und Nandini Srikar. Das Stück ist eine Beschwörung der Göttin Shiva und wurde in Bombay, Neu Delhi und Madras mit Musikern aufgenommen, die Bona auf seinen vorangegangenen Tourneen getroffen hat. Ganz anders ist dagegen das urbane Soul Stück Good Times, bei dem Frank McComb den Gesang übernommen hat und für den Bona auch schon Bass gespielt hat. Ein weiteres Highlight ist Kurumalete, das in seiner Polyrhythmik an senegalesischen Mbalax erinnert. Das Stück handelt davon, dass man sich nicht zu sehr hinter seinem Glauben verstecken sollte. Ebenfalls eine neue musikalische Nuance in Bonas Kosmos bietet African Cowboy, dessen Titel hält, was er verspricht. Stilistisch kann man es als Afro Country bezeichnen, inklusive Banjo und Geige, wobei das Banjo auch in Kamerun verbreitet ist. Der African Cowboy ist Bona selbst, der auch ein Faible für Country Musik hat. Dem seiner Frau gewidmeten Yara's Blues kommt Bona schließlich der klassischen Vorstellung von Blues am nächsten, inklusive Bluesharp und Hammond Orgel.
Trotz seiner Vielschichtigkeit wirken Bonas Ten Shades Of Blues zu keiner Zeit beliebig sondern bilden ein homogens Ganzes, das von Bonas samtweicher Stimme und seinem markanten Bassspiel zusammengehalten wird. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man seine Musik als Easy Listening abtun, unter der Oberfläche brodelt es jedoch spürbar. Auf höchstem Niveau gelingt ihm somit sein vielleicht bislang bestes Album.
( Wrasse Records / 2009)
Richard Bona
Richard Bonas Beschreibung des Blues ist mehr als passend für dieses Album. Ohne diese Eklärung könnte der Titel durchaus in die Irre führen, denn wer hier 10 klassische 12-Takter erwartet, liegt falsch. Allenfalls Yara's Blues bietet klassischen Blues, zumal es auch auf Englisch gesugen wird, obwohl Bona den Text zunächst in Douala verfasste. The Ten Shades Of Blues erforscht vielmehr unterschiedliche Auffassungen des Blues verschiedener Kulturen. Nach eigener Aussage präsentiert das Album also 10 Arten den Blues zu spielen. Als Grundlage dient dazu der geschmeidige Bona Sound, der sich aus Jazz, Soul, Funk und den Rhythmen seiner Heimat Kamerun zusammensetzt. Ein perfektes Fundament für Bonas Projekt, dass mit dem indisch beeinflussten Shiva Mantra beginnt. Ein afroinidsches Klanggemälde, bei dem neben diversen Trommeln wie Mridangam und Tabla auch eine Sitar zum Einsatz kommt. Den Gesang übernehmen neben Bona Shankar Mahadevan und Nandini Srikar. Das Stück ist eine Beschwörung der Göttin Shiva und wurde in Bombay, Neu Delhi und Madras mit Musikern aufgenommen, die Bona auf seinen vorangegangenen Tourneen getroffen hat. Ganz anders ist dagegen das urbane Soul Stück Good Times, bei dem Frank McComb den Gesang übernommen hat und für den Bona auch schon Bass gespielt hat. Ein weiteres Highlight ist Kurumalete, das in seiner Polyrhythmik an senegalesischen Mbalax erinnert. Das Stück handelt davon, dass man sich nicht zu sehr hinter seinem Glauben verstecken sollte. Ebenfalls eine neue musikalische Nuance in Bonas Kosmos bietet African Cowboy, dessen Titel hält, was er verspricht. Stilistisch kann man es als Afro Country bezeichnen, inklusive Banjo und Geige, wobei das Banjo auch in Kamerun verbreitet ist. Der African Cowboy ist Bona selbst, der auch ein Faible für Country Musik hat. Dem seiner Frau gewidmeten Yara's Blues kommt Bona schließlich der klassischen Vorstellung von Blues am nächsten, inklusive Bluesharp und Hammond Orgel.
Trotz seiner Vielschichtigkeit wirken Bonas Ten Shades Of Blues zu keiner Zeit beliebig sondern bilden ein homogens Ganzes, das von Bonas samtweicher Stimme und seinem markanten Bassspiel zusammengehalten wird. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man seine Musik als Easy Listening abtun, unter der Oberfläche brodelt es jedoch spürbar. Auf höchstem Niveau gelingt ihm somit sein vielleicht bislang bestes Album.
( Wrasse Records / 2009)
Mittwoch, 14. Oktober 2009
Netsayi - Monkey's Wedding
2006 war Chimurenga Soul eines jener Alben, die einen unweigerlich in ihren Bann zogen. In z.T. episch ausufernden, in Jazz und Soul gebetteten Songs gelang Netsayi ein ganz erstaunliches und außergewöhnliches Debütalbum. 2 Jahre später ist davon nicht mehr viel übrig geblieben. Monkeys' Wedding markiert eine völlige Kehrtwende und präsentiert größenteils kurze und eingänge und vor allem am Pop orientierte Stücke. Einzig ihr markantes Songwriting ist quasi als Vistienkarte übrig geblieben und sorgt für die nötigen Ecken und Kanten. Und wenn sich der erste Schreck gelegt hat, wird man schnell feststellen, dass sich diese konsequente Weiterentwicklung mehr als gelohnt hat. Die einzelnen Stücke sprühen nur so vor Einfallsreichtum und mit jedem Hören entdeckt mam neue Nuancen, die zuvor noch nicht aufgefallen waren. Allein für Kleinode wie Toy Soldiers oder Money Drum muss man dieses Album schon lieben, aber auch die ätzende Abrechnung mit falschen Freunden in Weaves And Magazines oder das witzige Top Cop, das traditionelle Mbira Klänge auf die E-Gitarre überträgt, wie dies Thomas Mapfumo schon in den 70er Jahren perfektionisiert hat. Dazwischen gibt es ein wunderbares A-Capella Stück namens Ishe Komberera, das einzige Stück, das sie in ihrer Muttersprache Shona singt und eine Coverversion von Gilberto Gils Queremos Saber. Auch ruhigere Stücke wie Teenagers, ein nostalgischer aber nicht sentimentaler Blick zurück in die Jugendzeit in Harare oder das wunderbare Jacarandes ganz am Ende, bei dem sie nur noch von einem Piano und einer Trompete begleitet wird, reihen sich perfekt ein in Dutzend hervorragender Songs. Diese sind in eigentständige Arrangements gepackt, die klanglich ziwschen Simbabwe und dem Rest der Welt pendeln. Dabei schreckt Netsayi auch nicht vor programmierten Beats und antiquierten 80er Jahre Keyboards zurück, sondern kombiniert diese mit Percussion, Gitarren, Townshipgesängen und vielem mehr.
Unterm Strich geht Monkeys' Wedding der Gefahr sich zu wiederholen konsequent aus dem Weg und sorgt somit sicher für eine der Überraschungen des Jahres, zumindest wenn man den Vorgänger kennt. Nichtsdesotrotz muss sich das Album in keinster Weise vor dem großartigen Debüt verstecken.
(World Connection / 2009)
Unterm Strich geht Monkeys' Wedding der Gefahr sich zu wiederholen konsequent aus dem Weg und sorgt somit sicher für eine der Überraschungen des Jahres, zumindest wenn man den Vorgänger kennt. Nichtsdesotrotz muss sich das Album in keinster Weise vor dem großartigen Debüt verstecken.
(World Connection / 2009)
Donnerstag, 8. Oktober 2009
Daby Balde - Le Marigot Club Dakar
Einen Gimmick der besonderen Art wurde dem zweiten Album von Daby Balde beigelegt, nämlich einen Getränkegutschein für den titelgebenden Club in Dakar, einzulösen bis Ende 2010. Wer zufällig mal in Dakar sein und diesem Club einen Besuch abstatten möchte, sollte darauf achten, dass es ein Tag ist, an dem Daby Balde selbst eine Auftritt hat, es dürfte sich lohnen. Der aus der Casamance im Süden Senegals stammende Balde hat diesen Club gegründet, um die Fula Traditionen zu erhalten, was im von Wolof und damit Mbalax aber auch HipHop dominierten Dakar eher eine Seltenheit sein dürfte. Und so hat die Musik auch recht wenig mit der seines weitaus promineteren Landsmannes Youssou N'Dour zu tun. Vielmehr erinnert mich die Musik an die traditionelleren Werke der ebenfalls aus der Casamance stammende Band Toure Kunda, irgendwo zischen den Alben Amadou Tilo und Casamance Au Clair De Lune. Im Grunde handelt es sich bei Le Marigot Club Dakar um ein senegalesisches Singer/Songwriter Album, bei dem auch europäische Einflüsse nicht außen vobleiben. So ist bereits im ersten Stück Yaye Boye ein Saxophon zu hören, eingebettet in akustische Gitarren und ein paar Percussion. An anderen Stellen tauchen auch Violinen auf aber auch Kora und Balafon kommen hier und da zum Einsatz. Was Balde auszeichnet ist neben seiner Stimme ein Händchen für gleichermaßen elegante wie hypnotische Melodien, die in der Regel sparsam arrangiert und auf das Wesentliche ausgerichtet wurde. Seine Texte handeln auch schon mal von Korruption wie in Lambe Leydi oder auch von tragischen Ereignissen, wie dem Untergang der seneglesischen Passagierfähre Le Joola vor der Küste Gambias im Jahr 2002, bei dem knapp 2000 Menschen ums Leben kamen. Andere Songs handeln von Armut oder klischeehaften Denken üner den Senegal im Speziellen und Afrika im Allgemeinen. Gepackt in wunderbare Songs und Arrangements ergibt das großartiges Album. Santé!
(Riverboat / 2009)
(Riverboat / 2009)
Dienstag, 28. Juli 2009
Justin Adams & Juldeh Camara - Tell No Lies
Yeah! Das erste Stück heißt Sahara und so rau und heiß wie das Wüstenklima ist auch der erste Song dieses außergewöhnlichen Albums. Ein krachig schepperndes Gitarrenriff trifft auf Djembe Rhythmen und Juldeh Camaras Ritti, eine einsaitige, westafrikanische Geige. Stellt sich die Frage, wo man diese Musik einordnen soll. Desert Punk? Zumindest das Riff ist sehr punklastig und erinnert mich entfernt an Zero Zero UFO von den Ramones. Aber der Gambier Juldeh Camara, der neben dem Spiel der Ritti auch für den Gesang zuständig ist, ist natürlich kein Punk sondern ein Griot und somit prallen hier zwei auf dem Papier sehr unterschiedliche musikalische Welten aufeinander, was nicht zwangsläufig funktionieren muss, hier aber ganz ausgezeichnet zusammenpasst. Ein derart wildes Stück wie Sahara kommt danach zwar nicht mehr, das Rohe und Unbehauene bleibt jedoch erhalten und wird in einer Mischung aus Rhythm and Blues und Desert Blues geerdet. Ersteres hört man vor allem bei Kele Kele (No Passport No Visa) das zu allem Überfluss auch noch über eine unwiderstehliche und ohrwurmartige Melodie verfügt. Der Fulani Coochie Man vereinigt dagegen, wie man sich bei dem Titel sicher vorstellen kann, amerikanischen mit westafrikanischem Blues. Der hochkarätige Rest pendelt meist irgendwo dazwischen und im epischen Gainako wird dann auch mal ein Gang zurückgeschaltet und eine akustische Gitarre verwendet. Es ist immer wieder beeindruckend, wenn Ritti und Gitarre aufeinandertreffen, zumal Camaras Instrument nach eigenen Aussagen trotz oder vielleicht auch gerade wegen der nur einen Saite sehr unterschiedliche Klangfarben und Stimmungen zu Tage fördern kann. An manchen Stellen klingt sie wie eine Bluesharp, an anderen Stellen wie eine kelitische Geige und dann wieder wie eine westafrikanische Hirtenflöte. Dazu gesellt sich dann Justin Adams' rauhe Gitarre und sorgt somit für ein unvergleichliches Klangerlebnis. Adams, der auch schon mit Jah Wobble, Robert Plant oder Natcha Atlas zusammengearbeitet und das Debütalbum von Tinariwen produziert hat, fügt den westafriknischen Traditionen somit neue Nuancen zu. Für das Rhythmusfundament sorgt Salah Dawson Miller und als Referenzen seien hier noch Muddy Waters und Bo Diddley genannt. All diese Zutaten sorgen schließlich für ein eigenständiges Werk, das Altbekanntem neues Leben einhaucht.
(Real World Records / 2009)
(Real World Records / 2009)
Montag, 20. Juli 2009
Mayra Andrade - Live in Karlsruhe (19.07.2009) / stória, stória...
Im Gegensatz zum Konzert wirkt auf dem Album alles etwas zurückhaltender und noch detailfreudiger, als dies beim Liveauftritt schon der Fall war. So sorgt im Stück Tchápu na bondera eine Kora für Akzente, während bei Seu eine einsame Trompete ein paar Jazztupfer setzt. Seu ist auch ein schönes Beispiel dafür, dass Mayra Andrade auch ein Händchen für das Songwriting hat, eine Fähigkeit, die sie hier aber leider nur 5 mal unter Beweis stellt, darunter auch Odjus fitchádu eine Kollaboration mit dem Israeli Idan Raichel, das auf einem kapverdischen Rhythmus, dem sogenannten Coladeira, basiert oder Mon carrousel, ein rhythmusbetontes Stück mit einer chansonartigen Melodie, das auch auf französisch gesungen wird. Aber auch die restlichen Stücke, darunter Songs ihres Gitarristen und kapverdischen Multiinstrumentalisten Kim Alvés wissen zu überzeugen. Auch die meisten anderen Fremdkompositionen wurden speziell für Mayra Andrade geschrieben, wobei die Autodidaktin, die keine Noten lesen kann, immer konkrete Vorstellungen davon hat, wie sie die einzelnen Songs umsetzen möchte und sie somit quasi zu ihren eigenen macht. Und das funktioniert auf stória, stória... ausgesprochen gut.
Montag, 6. Juli 2009
Vieux Farka Touré - Fondo
Auf seinem Debütalbum wurde er noch von seinem Vater unterstützt, jedoch ließ er schon damals eine gewisse Eigenständigkeit durchblicken. Folgerichtig erschien von dem Album auch eine Remixversion mit allerlei Beats und Loops und sonstigen elektronischen Spielereien, die dem Puristen übel aufgestoßen sein dürften. Vieux selbst hielt es jedoch für die bessere Version. Wie dem auch sei, mit Fondo kehrt Vieux zumindest teilweise zu den Wurzeln zurück, emanzipiert sich aber dennoch endgültig vom schweren Erbe. Die Blues Strukturen sind zwar vorhanden aber weit weniger ausgeprägt, als dies bei Ali Farka Toure, dem das Album übrigens gewidmet ist, der Fall war. Die Musik pendelt zwischen Wüstenblues und Wüstenrock wozu nicht zuletzt auch der Einsatz eines Schlagzeuges beiträgt, das im Stück Aï Haïra zusammen mit traditionellen Percussion für irrwitzige Rhythmen sorgt und bei dem er von seinem Cousin Afel Bocoum gesanglich unterstützt wird. Den Wüstenblues mit seinen flirrenden Gitarren gibt es dann im ruhigen und doch atmosphärisch dichten Souba Souba. Beide Stücke zeigen die Flexibilität und den Variantenreichtum in Vieux Farka Toures Gitarrenspiel, das zusammen mit seiner kräftigen Stimme nahezu perfekt harmonisiert. Besonders gut zur Geltung kommt dies u.a. im Stück Sarama, das mit seinem Wechsel zwischen laut und leise und seinem Drumbeat eine Art Prototyp des Wüstenrock sein könnte. Wobei man bei Rock freilich nicht an breitbeinigen weißen Hardrock denken sollte, vielmehr erinnern die leichfüßigen Rhythmen an klassichen Rhythm and Blues. Und in diesem Kontext ist auch ein traditionelles Stück wie Walé, bei dem er einmal mehr von Afel Bocoum am Mikro unterstützt wird, nicht Fehl am Platz und auch sein Vater hätte das wohl nicht besser hinbekommen. Am Ende des Albums gibt es noch das Instrumentalstück Paradise, bei dem er von Toumani Diabate an der Kora unterstützt wird. Diabate, der auch schon beim ersten Album dabei war, liefert hier ein wunderbares Zusammenspiel mit Vieuxs Gitarre und zeigt, dass auch E-Gitarre und Kora gut miteinenander harmonisieren können.
War das Debüt schon äußerst gelungen, so liefert Vieux Farka Toure mit seinem zweiten Album nicht weniger als sein Meisterwerk ab. Fondo ist knallharte Konkurrenz zum Staff Benda Bilili Album, und das will in diesem Jahr schon etwas bedeuten.
(Six Degrees / 2009)
War das Debüt schon äußerst gelungen, so liefert Vieux Farka Toure mit seinem zweiten Album nicht weniger als sein Meisterwerk ab. Fondo ist knallharte Konkurrenz zum Staff Benda Bilili Album, und das will in diesem Jahr schon etwas bedeuten.
(Six Degrees / 2009)
Freitag, 3. Juli 2009
Rokia Traoré live in Karlsruhe (02.07.2009)
Zugegeben, ich habe es mir im Vorfeld schon ein paar Takte ruhiger vorgestellt, zumal die 4 Alben ja auch meist eher zurückhaltend sind. Auf der Bühne befanden sich lediglich Schlagzeug, Bass und Gitarre, am Rand waren noch 3 oder 4 Ngonis aufgebart. Kurz vor Beginn kam noch der Veranstalter auf die Bühne und bat die sitzenden Gäste, sich doch nach hinten und an die Seite zurückzuziehen, damit vor der Bühne ausreichend Platz zum tanzen bleibt. Gut so, denn es zeigte sich schnell, dass Rokia Raoré live sagen wir mal deutlich schwungvoller zu Werke geht. Und dabei erweist sie sich nicht nur als ausgezeichnete Sängerin und Songschreiberin sondern auch als fabelhafte Tänzerin, wenn sie nicht gerade hinter der beinahe überdimensional wirkenden Gretsch Gitarre verschwindet. Diese kam jedoch leider nur einmal beim Übersong Dounia zum Einsatz, das hier nicht wie auf dem Album den Anfang machte, sondern mehr in der Mitte des Konzertes gespielt wurde und das am Ende noch heftiger geriet, als man es vom Album her kannte. Immer wieder zum in die Knie gehen. Auch sonst wurde das Hauptmerkmal auf das aktuelle Album Tchamantché gelegt, aus dem einige Stücke gespielt wurden, darunter Aimer, Zen und natürlich zu Ehren von Billie Holiday, nach eigenem Bekunden eine ihrer Lieblingskünstlerinnen, die Gershwin Komposition The Man I Love. Vor dem abschließenden Stück Tounka gab es noch eine Ansage zu Migration und dem Reichtum Afrikas, der völlig falsch verteilt ist. Nach einer Stunde war der offizielle Teil dann zu Ende doch es folgte eine gut halbstündige Zugabe mit Bandvorstellung, bei der vor allem der Bassist, der schon während des ganzen Abends für funkige Akzente sorgte, als warer Könner erwies und hier nun wie entfesselt spielte. Angespielt wurde auch Fela Kutis Lady und Miriam Makebas Pata Pata und am Ende gab es stehende Ovationen und nicht enden woller Beifall des Publikums, der die Band schließlich für eine weitere Zugabe auf die Bühne zurück holte. Im Zelt herrschten mittlerwiele subtropische Verhältnisse, und das lag sicher nicht nur an den sommerlichen Abendtemperaturen.
Freitag, 26. Juni 2009
Tony Allen - Secret Agent
The Masterdrummer is back again! Ein Tony Allen Album kann gar nicht schlecht sein und er ist wohl der einzige Schlagzeuger, von dem ich mir ein Soloalbum, also ausschließlich Schlagzeug, kaufen würde. Dabei hört man es dem Album zunächst gar nicht an, dass es das Album eines Schlagzeugers ist: keine Egotrips, keine endlosen Soli dafür aber der ultimative Beat. Tony Allens pulsierendes Rhythmusgeflecht wirkt bisweilen unscheinbar, ist aber unersetzbarer Bestandteil der Musik. Das erkannte auch Fela Kuti mitte der 60er Jahre und stellte fest, dass Allen klinge, als würden 4 Schlagzeuger gleichzeitig spielen. Allen, der sich das Schlagzeugspielen durch das Hören seiner Vorbilder Gene Krupa, Art Blakey und Max Roach selbst beibrachte, begründete dies damit, dass er die Rhythmen unterschiedlicher Musikrichtungen wie Jazz, Funk und Soul mit den eigenen Yoruba Rhythmen kombinierte. Und somit kann man Allens Anteil an der Entwicklung des Afrobeat gar nicht unterschätzen, zudem war er in Felas Band Africa 70 der inoffizielle musikalische Leiter. Als er die Band Ende der 70er verließ, versuchte Fela in seiner neuen Band Egypt 80, Allens Schlagzeugspiel durch 4 Schlagzeuger zu ersetzen.
Tony Allen selbst machte sich was Plattenveröffentlichungen angeht eher rar. Die ersten 3 Soloalben nahm er bereits zu Africa 70 Zeiten mit eben jener Band auf und gründetete nach seinem Abgang die Afro Messengers, mit der aber nur das Album No Discrimination aufnahm und mit dem er den Afrobeat zumindest künstlerisch erfolgreich in die 80er Jahre überführte. In den folgenden Jahren agierte er hauptsächlich als Sessionmusiker und Anfang des neuen Jahrtausends wurde er schließlich von Damon Albarn entdeckt, der im Song Music Is My Radar bekannte: "Tony Allen got me dancing". Albarn wirkte 2002 auch auf dem Album Homecooking mit, auf dem Allen den Afrobeat für das enue Jahrtausend erschuf. Mit Lagos No Shaking kehrte der bereits in den 80er Jahren nach Paris ausgewandere Allen 2006 zu seinen Wurzeln zurück und nahm in seiner früheren Heimat ein nahezu klassisches Afrobeat Album auf.
Secret Agent knüpft an seinen Vorgänger an, präsentiert allerdings auch die ein oder andere Neuerung. So kommt in den Stücken Ijo und Nina Lowo durch den Einsatz eines Akkordeons ein ganz kleines bisschen französisches Flair auf. Beide Stücke werden von der großartigen AYO (nicht zu verwechseln mit Ayo.) gesungen. Allen überlässt den Gesang auf diesem Album zum großen Teil Gästen und übernimmt das Mikro nur beim Titelstück und beim abschließenden Elewon Po, beides politische Stücke, wenngleich natürlich deutlich zurückhaltender vorgetragen als dies einst bei Fela der Fall war. Allen war schon damals der Ruhepol und sozusagen das ideale Gegenstück zu Fela.
Was das Album auszeichnet sind natürlich Allens Drumpatterns, ohne die das alles vermutlich nur halb so gut wäre. Sobald der Groove einsetzt kann er sich fast alles erlauben, weiß aber dennoch auch kompositorisch zu überzeugen. Die Texte haben meist die jeweiligen Sänger geschrieben und mit Atuwaba gibt es gar ein kurzes A-Capella Stück, ebenfalls von AYO gesungen, das mehr nach Zulu als nach Yoruba klingt. Ansonsten überwiegt selbstvertständlich der Afrobeat, der im Vergleich zu Africa 70 deutlich kürzer und kompakter daherkommt und mit King Odudu hat Allen sogar einen Sänger gefunden, dessen Stimme der eines Fela nicht unähnlich klingt. Nachhören kann man dies in den beiden Stücken Celebrate und Pariwo, die beide ungemein entspannt und lässig wirken. Und es ist vor allem das Entspannte und Lässige, das Tony Allens Schlagzeugspiel auszeichnet, kein Kraftakt sondern locker aus dem Handgelenk geschüttelt. Eine Fähigkeit, die er nach eigenen Aussagen in den Clubs von Lagos gelernt hat, denn dort dauern Konzerte nicht 2 sondern 6 Stunden, so dass man seine Kräfte einteilen muss.
Secret Agent bietet zwar nicht viel Neues, dafür aber das Alte auf gewohnt hohem Niveau. Kaum zu glauben, dass Tony Allen nächstes Jahr schon 70 wird, man hört und sieht es ihm nicht an. Möge er uns noch mit vielen solcher Alben beglücken.
(World Circuit / 2009)
Tony Allen selbst machte sich was Plattenveröffentlichungen angeht eher rar. Die ersten 3 Soloalben nahm er bereits zu Africa 70 Zeiten mit eben jener Band auf und gründetete nach seinem Abgang die Afro Messengers, mit der aber nur das Album No Discrimination aufnahm und mit dem er den Afrobeat zumindest künstlerisch erfolgreich in die 80er Jahre überführte. In den folgenden Jahren agierte er hauptsächlich als Sessionmusiker und Anfang des neuen Jahrtausends wurde er schließlich von Damon Albarn entdeckt, der im Song Music Is My Radar bekannte: "Tony Allen got me dancing". Albarn wirkte 2002 auch auf dem Album Homecooking mit, auf dem Allen den Afrobeat für das enue Jahrtausend erschuf. Mit Lagos No Shaking kehrte der bereits in den 80er Jahren nach Paris ausgewandere Allen 2006 zu seinen Wurzeln zurück und nahm in seiner früheren Heimat ein nahezu klassisches Afrobeat Album auf.
Secret Agent knüpft an seinen Vorgänger an, präsentiert allerdings auch die ein oder andere Neuerung. So kommt in den Stücken Ijo und Nina Lowo durch den Einsatz eines Akkordeons ein ganz kleines bisschen französisches Flair auf. Beide Stücke werden von der großartigen AYO (nicht zu verwechseln mit Ayo.) gesungen. Allen überlässt den Gesang auf diesem Album zum großen Teil Gästen und übernimmt das Mikro nur beim Titelstück und beim abschließenden Elewon Po, beides politische Stücke, wenngleich natürlich deutlich zurückhaltender vorgetragen als dies einst bei Fela der Fall war. Allen war schon damals der Ruhepol und sozusagen das ideale Gegenstück zu Fela.
Was das Album auszeichnet sind natürlich Allens Drumpatterns, ohne die das alles vermutlich nur halb so gut wäre. Sobald der Groove einsetzt kann er sich fast alles erlauben, weiß aber dennoch auch kompositorisch zu überzeugen. Die Texte haben meist die jeweiligen Sänger geschrieben und mit Atuwaba gibt es gar ein kurzes A-Capella Stück, ebenfalls von AYO gesungen, das mehr nach Zulu als nach Yoruba klingt. Ansonsten überwiegt selbstvertständlich der Afrobeat, der im Vergleich zu Africa 70 deutlich kürzer und kompakter daherkommt und mit King Odudu hat Allen sogar einen Sänger gefunden, dessen Stimme der eines Fela nicht unähnlich klingt. Nachhören kann man dies in den beiden Stücken Celebrate und Pariwo, die beide ungemein entspannt und lässig wirken. Und es ist vor allem das Entspannte und Lässige, das Tony Allens Schlagzeugspiel auszeichnet, kein Kraftakt sondern locker aus dem Handgelenk geschüttelt. Eine Fähigkeit, die er nach eigenen Aussagen in den Clubs von Lagos gelernt hat, denn dort dauern Konzerte nicht 2 sondern 6 Stunden, so dass man seine Kräfte einteilen muss.
Secret Agent bietet zwar nicht viel Neues, dafür aber das Alte auf gewohnt hohem Niveau. Kaum zu glauben, dass Tony Allen nächstes Jahr schon 70 wird, man hört und sieht es ihm nicht an. Möge er uns noch mit vielen solcher Alben beglücken.
(World Circuit / 2009)
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